Geschichtsmesse 2025. Business as usual in erschreckenden Zeiten?

Endlich haben wir es mit dem Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte einmal zur Geschichtsmesse der Bundesstiftung Aufarbeitung geschafft. Recht passend: Unser Festival wird dieses Jahr zum 17. Mal stattfinden, und auch die Geschichtsmesse fand zum 17. Mal statt, wie gewohnt im Ringberg Hotel in Suhl, nahe dem geographischen Mittelpunkt Deutschlands.

Warum waren wir bislang nicht dabei? Auf der Geschichtsmesse trifft sich traditionell „die bunte Welt der Aufarbeitung“, wie auch der Programmteil am letzten Messetag hieß, der die vielfältige Arbeit der Stiftung vorstellte. Unser Festival bietet bekanntlich Veranstaltungen zu allen denkbaren historischen Epochen. Zeitgeschichtliche Fragen spielen dabei auch immer eine wichtige Rolle, zumal, wenn wir die historisch gewachsenen Herausforderungen unserer Gegenwart diskutieren wollen. Und auch die Diktaturerfahrungen und ihre Überwindung in Ostdeutschland und Mittel- und Osteuropa sind immer wieder Themen auf unseren Veranstaltungen. Aber sie machen eben auch immer nur einen Teil unseres Programms aus. Außerdem gab es einen ganz praktischen Grund: Die Geschichtsmesse findet immer im Februar statt – einer Zeit im Jahr, in der bei uns die Programmplanung für den November erst am Anfang steht und wir auch noch um jeden Euro unseres Festivalbudgets kämpfen müssen. Ein fertiges Produkt kann man daher noch nicht präsentieren.

Ein wunderbarer „Marktplatz der Erinnerungskultur“

Und warum nun doch? Weil genau das der Vorteil von Messen ist: Selbst wenn das Produkt noch nicht fertig ist, kann man sich tolle Ideen dafür holen, sich inspirieren lassen, hilfreiche Kontakte knüpfen, neue Leute und spannende Projekte kennenlernen…. von denen manche im November vielleicht auch in unserem Programm auftauchen. Und natürlich kann man die Modellreihe und den neusten Prototypen auf einer Messe mit so vielen geschichtsinteressierten Professionals aus ganz Deutschland auch wunderbar bewerben. Auf also nach Suhl und zurück in den Winter.

Ein umfangreiches Programm unter dem Titel „Was ist Deutschland? Einheit und Vielheit 35 Jahre nach der deutschen Vereinigung in Europa“ und über 50 Aussteller und Projektpräsentationen – von denen wir jeweils einer waren, lösten unsere Erwartungen auch wunderbar ein. Die Arbeit der Bundesstiftung und der vielen Initiativen, Organisationen und Projektträger ist wirklich beachtlich und beeindruckend. So viele spannende Projekte, Aufarbeitungs- und Nachforschungsvorhaben. Und vor allem auch so viele innovative Ideen der Geschichtsvermittlung und Erinnerungsarbeit, die gerade in diesem zeitgeschichtlichen Kontext viel auf die Arbeit mit Zeitzeug*innen und partizipative, kommunikative Formate setzen. All das hat uns sehr beeindruckt. Auch die vielen Gespräche, neu geknüpften Kontakte und manch alte Bekannte, die wir auch getroffen haben, gaben uns das Gefühl, hier richtig zu sein und auch wiederkommen zu wollen.

Die Community stärkt sich, hinterfragt sich aber nicht

Und zugleich kamen ein paar Eindrücke hinzu, die sich als Neuling bei einer so eingeübten Veranstaltung vielleicht eher ergeben, als wenn man ‚schon immer‘ dabei ist. Das fing beim Einchecken im wunderschön gelegenen Ringberg Hotel und der Eröffnung an. Es gehöre zum augenzwinkernden Selbstverständnis der Messe, dass das Community-Gefühl noch einmal dadurch gestärkt wird, dass man vom Hotel nicht so leicht wegkommt, wenn man einmal dort ist. In der Tat geht man die zweieinhalb Tage wirklich in Klausur. Dieser Klausurcharakter werde – und es geht noch immer augenzwinkernd seitens des Orga-Teams weiter – wiederum noch einmal dadurch gestärkt, dass alle Teilnehmenden aufgrund der schlechten Internetverbindung des Hotels ein paar Tage unfreiwilliges online-Detox erleben müssen. Und damit sind wir beim Thema. Ich habe in der Tat selten in einem Hotel in Deutschland einen so schlechten Handy-Empfang und so schlechte Internetversorgung gehabt…. außer vielleicht mal im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze. Das soll keine Nörgelei eines überheblichen Städters sein, sondern zu dem Elefanten überleiten, der überall in Suhl im Raum stand: die Wahlerfolge der AfD bei der Bundestagswahl eine Woche zuvor und die oft beschworene ‚Landkarte‘, die die deutsche Teilung bei ihren Erfolgen sehr drastisch abbildet. Iris Gleicke, selbst aus Suhl stammend und von 2014 bis 2018 Beauftragte der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, wies darauf hin, was man gerade viel hört: es müssen konkrete Probleme gelöst werden, will man das wieder in den Griff kriegen. In diesem Lichte ist die digitale Abschottung des Messestandortes geradezu skandalös. Denn wie kann es sein, dass es keine vernünftige Internetleitung zu einem großen Hotel gibt? In einer Region, die ganz wesentlich vom Tourismus lebt! Und ganz ehrlich: dann kann man einen Anteil von 50% Protestwahl verstehen, egal, wohin der Protest fällt.

Das alles sind Umstände, für die weder die Bundesstiftung Aufarbeitung noch ihre Community verantwortlich sind. Bildungsträger und Bundesstiftungen verlegen keine Internetkabel und organisieren auch nicht den ÖPNV oder die medizinische Versorgung im ländlichen Raum. Gleichwohl: Es war schon ein ziemliches Business as usual in Suhl. In den Vorträgen, Diskussionen und vielen Gesprächen spürte man zwar den Schreck über die Bundestagswahl und die 551 Fragen der Unionsfraktion zur öffentlichen Finanzierung zivilgesellschaftlicher Organisationen. Was ich dann jedoch etwas vermisst habe, war der Schritt von diesem Schrecken hin zu einer kritischen Selbstreflexion. Niemandem kam – zumindest nicht auf offener Bühne und meiner Kenntnis nach – der Satz über die Lippen: „Da müssen wir uns auch mal selbst fragen, ob wir die letzten Jahre alles richtig gemacht haben.“ Eine Diskussion hierüber fand erst recht nicht statt, auch nicht auf der Abschlussdiskussion „Wie resilient ist unsere Demokratie?“, die dafür Anlass geboten hätte.

Um nicht missverstanden zu werden: Mir fällt auf Anhieb gar nicht so viel ein, was man da hätte anders machen können oder sollen. Und die „bunte Welt der Aufarbeitung“ zeigt ja ein wirklich beeindruckendes Programm von der Wissenschaft bis zur Geschichtsvermittlung. An Geld, Personal und Herzblut vieler engagierter Menschen in- und außerhalb der Stiftung hat es offenbar nicht gefehlt. Und natürlich trägt die Aufarbeitungscommunity keine Schuld an dem starken Abschneiden der Rechtsextremen, die ja auch anderswo auf dem Vormarsch sind und in den USA gerade den ‚Westen‘ zerlegen. All das hat viele und komplexe Gründe. Aber ganz offensichtlich haben 35 Jahre Aufarbeitung der SED-Diktatur (davon 27 Jahre durch die 1998 gegründete Stiftung) auch nicht zu einer resilienten demokratischen Kultur in den neuen Bundesländern geführt. Denn bis auf wenige gesellschaftliche und lokale Nischen gibt es die nicht. An deren Aufbau und Pflege mitzuwirken gehört nun wiederum doch zum Auftrag der Stiftung, weswegen sich (wie bei anderen Akteuren der politischen Bildung auch) die Frage irgendwann schon stellen sollte: „Was haben wir richtig gemacht? Was haben wir falsch gemacht?“ Wenn der Titel der 18. Geschichtsmesse Ende Februar 2026 noch nicht feststehen sollte: vielleicht wäre das ja eine Idee? Dabei sollen die Fragen kein Blame Game in die Vergangenheit bewirken, sondern nach vorn gerichtet sein: „Was können wir also besser machen?“

Und wie gesagt: Wir kommen gern wieder und diskutieren mit…

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